Ich führe genießerisch die rechte Hand zu meinem breit lächelnden Mund.
Alles unter Kontrolle.
Zwischen Zeige- und Mittelfinger halte ich eine saftige Zigarette. Ich schwanke, aber das Pendeln gleiche ich aus, indem ich meinen Mund weit aufreiße.
Wenigstens stehe ich. Nicht ganz so peinlich, wie rumzukriechen, aber auch anstrengender. Ich stemme mich gegen irgendeine einen Meter hohe Mauer. Gleichgewicht halte ich mit der Stütze meines linken Unterarms. Tollkühn habe ich die Beine übereinander geschlagen. Das Gewicht auf meinem linken Fuß. Erfordert höchste Konzentration. Nur nicht vergessen. Leger und cool. Mit dem Rechten könnte ich jetzt einen Ball zum Mond treten, wenn ich wollte. Und wenn hier zufällig ein Ball in der Nähe wäre. Ist das hier 'ne Brücke? Die Straße vor mir ist zumindest gepflastert, auf der gegenüberliegenden Seite ebenfalls eine Mauer und unter dem ganzen scheint ein Fluß zu sein. Voilà, eine Brücke. Bestimmt mit schicken Bögen. Schön alt.
Wo ist mein Bier?
Der schwere Gegenstand in meiner Linken? Vorsichtiges Schielen. Ein großes Risiko jetzt meine Stütze aufzugeben. Aber was tut man nicht alles für einen guten Schluck. Außerdem wackelt die Flasche in meiner Hand bedrohlich hin und her. Nur nicht fallen lassen. Nur nichts verschütten. Hieße, daß ganze gute Zeug zu vergeuden. Will ich Tauben füttern?
Konzentration. Nur die Flasche an den Mund. Alles staubtrocken. Scheiß Gleichgewicht. Ein schneller Ausfallschritt mit dem rechten Fuß. Fast wäre ich hingeknallt. Dafür rollt meine Zigarette über das Pflaster. Egal, heb' ich später auf.
Ein Schluck. Gut. Noch einer.
Augen schließen und genießen. Die Sonne blendet.
Mein Rachen brennt. Einmal laut und deutlich durchatmen. Warum rülpset und furzet ihr nicht.
War wohl doch kein Bier. Blaues Etikett, die Flasche glasklar. Kenn' ich irgendwoher. Scheiß Pseudokommunisten.
Das Kinn in den Himmel gestreckt, zwei kurze Blicke die Straße rauf und runter geworfen.
Seht mich an. Ich bin der König der Welt, und die Welt ist schön.
Mein rechtes Bein knickt ein, aber nur für einen Sekundenbruchteil. Alles unter Kontrolle.
Wo zum Teufel ist meine Zigarette?
Sieh über die Schulter.
Meinem Kopf folgend drehe ich mich zu dieser Mauer in meinem Rücken hin um, die hier wohl als Geländer dient. Ziemlich hohes Geländer. Kann man sich kaum drüber lehnen. Die ham wohl Angst, daß sich hier jemand runterstürzt. Weiter vorbeugen also. Ich starre ins trübe Wasser. Fünfzehn Meter in eine ausgebaggerte Fahrrinne.
Nimm noch einen Schluck.
Gut.
Nich' mehr viel drin.
Ich trinke den Rest, dreh' den Deckel auf die Flasche und schmeiß' sie in den Bach. Gottes letzte Botschaft an die Menschheit.
Vor zwei Stunden bin ich aufgewacht. Seitdem bin ich zweihundert Meter weit gekommen, habe zwei paar Straßenbahngleise, zwei Busspuren und eine stark befahrene Ringstraße überquert, viermal gekotzt und mich mindestens fünfzehnmal darauf vorbereitet. War da nich' 'ne Ampel? Warum hat das Arschloch überhaupt gehupt? Der glaubt gerade ihm gehöre die Welt.
"Gib dir den Finger, du Wichser!"
Übrigens kamen die viermal natürlich vollkommen unvorbereitet, aber wen interessiert's. Wer's wissen will kann's deutlich seh'n. Die Scheiße klebt sogar in meinen fettigen Haaren. Sind viel länger, als ich sie in Erinnerung hab'. Egal. Scheiße, sogar auf meiner Hose kleben Brocken von irgendwas, daß ich unmöglich gegessen haben kann. Ähnelt Labskaus. Lecker, mein Leibgericht. Kartoffelbrei mit Pökelfleisch. Der nette rosa Farbton entsteht durch Rote Beete. Dazu gibt's Spiegelei und Rollmops. Scheiße...
Das fünfte Mal. Ich könnt' kotzen.
Sollte irgendwie auf die Beine kommen. Woher kommen überhaupt die ganzen Menschen? Ha'm die keine Arbeit? Wo hab ich eigentlich gepennt? War das der Busbahnhof? Aber ich wohn' doch hier irgendwo. Immer Lächeln. Will nur höflich sein. Haltung ist das wichtigste, aber nicht immer ganz leicht. Warum steht hier eigentlich 'ne Säule? Bin ich in Griechenland oder was? Ein Schaufenster. Ist das ein Bart in meinem Gesicht? Gott seh' ich scheiße aus. Sollte was für meinen Teint tun. Rotwein soll da helfen. Der gute aus der zwei Liter Pulle. In Frankreich gibt`s den in Kanistern. Herzrasen und kalter Schweiß. Einmal tief durchatmen. Man soll mit dem weitermachen, mit dem man am Tag vorher aufgehört hat. Ein Tipp meiner Oma, und die muß es wissen: hatte jahrelang 'ne Kneipe. Aber was zum Teufel war gestern? Im Zweifel Bier oder Schnaps. Bier... Ich stinke wie ein Grottenolm. War hier nich' irgendwo ein Kiosk? So 'ne kleine Klitsche, wo man nur zwei Finger zu zeigen braucht und dafür zwei Jägi rüber geschoben kriegt.
Jetzt brauch' ich nur noch bißchen Geld. Irgendwo müßt' ich noch was haben. Vorsichtig Taschen abtasten.
Scheiß Gleichgewicht.
Ob mir hier einer was abgibt.
Meine Wohnung in bester Lage. Mitten im Zentrum. Nicht mehr als fünf Gehminuten von allem entfernt. Jeder Blick aus dem Fenster zeigt mir das blühende Leben. Am Puls der Zeit.
Morgen kommt der Vermieter zur Schlüsselübergabe.
Er ist mir sehr entgegengekommen. Hat gesagt er verzichtet auf die letzten drei Monatsmieten, die ich ihm sowieso noch schuldig bin. Vorausgesetzt hat er allerdings einen schnellen und reibungslosen Auszug zum Ende diesen Monats. Scheiße. Ich hab' fast geheult. Dabei war mir schon lange klar, daß mir die Wohnung zu teuer kommt. Obwohl du hier in der Stadt kaum was billigeres finden kannst. Und die Lage. Dazu Altbau mit ewig hohen Decken. Hier drin kann man Basketball spielen.
Die Wohnung, die ich mir mit meiner Freundin geteilt hatte, konnte ich sofort vergessen. Kein Herzblut dabei. Bin dann erstmal hin- und hergezogen von WG zu WG. Hab' 'ne Menge ausprobiert. Immer auf der Suche nach was besserem. Standesgemäß. Eines Tages kam ein Kollege zu mir, der mir von dieser Wohnung erzählte. Einziger Knackpunkt sei, daß man sie von Grund auf renovieren müsse, aber dafür sei die Miete günstig. Kostete viel Schweiß und dauerte ewig, war aber geil.
Jetzt sitz' ich hier auf einem halb leeren Kasten Öttinger neben einer billigen Klappmatratze auf der ich meinen Schlafsack ausgebreitet habe. Die einzigen verbliebenen Möbelstücke. Abgesehen von den Geräten in meiner Wohnküche nebenan, aber die gehören dem Vermieter. Meinen Kram hab' ich verkauft oder zerschlagen. In meiner neuen Bleibe war dafür kein Platz. Zwölf Quadratmeter mit Kochnische und Klo auf dem Gang, irgendwo in der Vorstadt. Eine Straße, die nicht einmal die Taxifahrer kennen.
Wollte diesen letzten Abend in meiner Wohnung eigentlich genießen, aber irgendwie kommt keine Stimmung auf. Leergefegt. Die letzte Kerze ist fast runtergebrannt und das Bier lauwarm. Die Stadtwerke haben mir schon vor zwei Monaten den Strom abgedreht. Und ich werd' nicht mal richtig betrunken.
Zwei Jahre hab' ich in diesem scheiß Büro gebuckelt. Zwei Jahre mit Schlips und Kragen. Zwei Jahre Kaffee kochen und Kram tippen. Auftragsannahme und billige Buchführung. Diese Art von Kram. Kram, den auch 'ne Aushilfe erledigen könnte. Und für genau diese Scheiße soll ich studiert haben? Für 'nen Hungerlohn, für den nicht mal eine Putze im Krankenhaus den Feudel rausholen würde?
Hauptsache ich bin noch ganz gesund.
Hab nur einen leichten Kater von gestern Abend und nicht wirklich lange verschlafen. Seh' aber reell scheiße aus, und ich fürchte ich habe eine Fahne.
Gerüchte, daß die Firma an der Klippe hängt gibt's schon länger. Kommen halt doch zu wenig Aufträge rein. Dafür hat mein Chef vor ein paar Wochen das Internet entdeckt. Ein richtiger Vordenker. Also muß eine Homepage her. Der rettende Strohhalm. Die eierlegende Wollmilchsau. Der Chef hatte sich natürlich umfassend informiert und war zu dem Schluß gekommen, daß es rausgeschmissenes Geld sei, dafür eine Agentur zu beauftragen. Nein. Das kann man ganz prima selbst machen. Gibt's tolle Programme für. Kann man sich locker aus dem Netz ziehen. Den passenden Crack dafür, und los geht's. Tolle Idee. Der Auserwählte war ich. Hatte erst keinen Bock, aber dann fing's tatsächlich an Spaß zu machen. Begann sogar damit, mir eine eigene Homepage zu basteln, aber nur bescheuerte Fotos von mir fand ich dann doch scheiße. Ohne Inhalte fehlt eben doch die Tiefe.
Wie gesagt, im Geschäft ließ sich die ganze Sache besser an, aber dann kam der Chef mit immer neuen Ideen und Verbesserungsvorschlägen, die er größtenteils eine Woche später schon wieder verwarf. Nur Hü und Hott.
Jetzt steh' ich bei ihm im Büro, und er legt seine Karten auf den Tisch. Die Banken bohren mit ihren Fingern in seinen blutenden Wunden. Opfer müssen gebracht werden. Ein schönes Leben noch.
Zusammen mit meinem Kumpel sitze ich in einer abgewichsten Kneipe unten am Fluß und jammer' wild rum. Erzähl' ihm zum tausendsten Mal von meiner Ex. Von den Plänen, die sie hatte. Von ihrem Antrieb. Von ihrer Lebensfreude. Von all dem Spaß, den wir zusammen hatten. Und der Sex erst. Geil, geil. Quatsch, den laß' ich weg. Soll ich mich erniedrigen oder was?
Eigentlich gehe ich kaum noch mit meinen Leuten weg. Ist wesentlich unaufdringlicher alleine in der Ecke zu sitzen und mit einem Bier in der Hand vor sich hin zu bruddeln, als ständig anderen Menschen mit den eigenen bescheuerten Problemen zu kommen. Überhaupt bleibe ich am liebsten zu Hause und trinke dort mein Bier. Wesentlich billiger und ich kann mir die Ohren voll heulen solange ich will.
Aber er wollte raus, und da sag' ich nicht nein.
Am Ende leih' ich mir von ihm noch einmal, und wirklich nur noch dieses eine Mal, einen Hunderter. Er grinst mich an und gibt ihn mir. Kaum eine Ahnung, wieviel Schulden ich jetzt eigentlich wirklich bei ihm habe, aber ich werde das wieder gut machen. Versprochen.
Eine Woche vor Zahltag herrscht bei mir gewohnheitsmäßig Ebbe. Keine Ahnung wo das ganze Geld hingeht. Allein die Fixkosten wie Miete, Krankenkasse, Lebensversicherung und das ganze Zeug bringen mich um.
Nachdem sich unsere Wege getrennt haben beschließe ich, noch einen Abstecher in diese lustige Kneipe unterhalb des Marktplatzes zu machen. Ein kleiner Absacker. Wär' doch gelacht, wenn ich mich nicht noch besoffener machen könnte.
"Soll das so was werden wie ein Zu-Ende-Gespräch?"
Sieh mich nicht so schuldbewußt an. Wenn du bei dem ganzen Scheiß so ein schlechtes Gewissen hast, dann mach die letzte Viertelstunde ungeschehen: Ich kriech' aus dem Bett, geh' ins Wohnzimmer und reib' mir die Augen. Hätte gestern doch nicht so lange feiern sollen.
Es ist Sonntag morgen. Sie sitzt auf dem Sofa und sieht fern. Als sie mich bemerkt zieht sie die Beine an und umschlingt sie mit ihren Armen. Das Kinn auf die Knie gedrückt wandert ihr Blick zu einem unbestimmten Punkt in der Ecke des Zimmers, anderthalb Meter über dem Fernseher.
Zwei Sekunden und ich bin wach.
Auch wenn man noch nie in so einer Situation war, erkennt man sie auf den ersten Blick. Nur nicht die Würde verlieren. Ich richte mich auf. Brust raus, Bauch rein. Scheiß Wampe, in den letzten Monaten hat mein Bauch wirklich ein unanständiges Format angenommen. Trotzdem: Haltung, unangreifbar. Trotz?
Plötzlich sieht sie mich an.
"Glaubst du wirklich, du bist noch du selbst?"
Scheiße. Was geht hier denn für ein Film. Noch ich selbst? Ich war nie anders. Hab' doch alles getan, was du wolltest.
Es folgt der übliche Blödsinn, und ich versteh' nur Bahnhof. Wie soll man auf so was auch reagieren. Lieber nichts sagen, als was falsches. Lieber sieben Jahre schlechten Sex als gar keinen.
Irgendwann rastet sie aus. Sie fängt an zu heulen und zu kreischen und ich scheuer ihr eine.
Scheiße. Was hab' ich da nur angerichtet.
Ich starre auf meine Hand, die so brennt, wie ihre Backe rot ist. Auf ihrem Jochbein leuchtet der Abdruck meines Daumens.
Ein Schuß, der ins Lehre geht.
Und ich bereue zutiefst.
Das Milchgesicht, daß die Ehre seines Vaters verteidigen wollte und nun dem Grafen von Monte Christo seine Entschuldigung anbietet.
Vielleicht habe ich tatsächlich zu oft auf der Couch rumgelungert und in den Fernseher gestarrt.
Meine Hand.
Ich bereue zutiefst.
In dem Moment, in dem ich hochblicke, von meiner Hand weg, und in ihr Gesicht sehe, weiß ich, was sie mir bedeutet und wieviel ich gerade jetzt verloren habe.
Ohne ein weiteres Wort geht sie ins Schlafzimmer, packt ihre Siebensachen zusammen und verschwindet.
Zwei Wochen später kommt sie noch einmal vorbei, um ihren restlichen Kram abzuholen. Ich renne ihr hinterher wie ein reuiger Hund.
Schließlich hat sie ihren ganzen Kram in dem kleinen Lieferwagen verstaut, den sie sich hierfür gemietet hat. Sie hat sich bei nichts helfen lassen. Als sie die Tür öffnet um einzusteigen dreht sie sich noch einmal zu mir um. Die Linke noch am Griff sieht sie mich an. Ein kurzes Kopfschütteln: absolute Hoffnungslosigkeit. Kurz senkt sie den Blick, steigt dann aber entschlossen auf den Fahrersitz. Sie knallt die Tür hinter sich zu, schnallt sich an, startet den Motor und setzt sich ihre beste Sonnenbrille auf. Meine Truckerbraut.
Während sie davonfährt kann ich durch die Heckscheibe noch eine ganze Zeit ihr Gesicht im Innenspiegel sehen.
Sie blickt nicht zurück.
Hab' verschlafen, bin dafür aber gut ausgepennt. Meine Freundin muß früher zur Arbeit als ich und läßt mich deshalb netterweise weiter schlafen bis mein Wecker klingelt. Das gemeinsame Frühstück haben wir uns schon längst abgewöhnt. Ab und an noch Sonntags. Aber selten. Ich bin Morgenmuffel par excellence. Sie gehört zu der perversen Gruppe der Frühaufsteher.
Heut' hab' ich das Klingeln wohl überhört. Um volle zwei Stunden. Stört aber nicht. Kurz entschlossen rufe ich im Geschäft an und melde mich krank. Geht fix. Ein ärztliches Attest brauch' ich nicht. Und weil heute weder Montag noch Freitag ist wittern die bestimmt nichts.
Außerdem hab' ich tatsächlich noch Kopfschmerzen. War gestern mit ein paar ehemaligen Studienkollegen einen Kleinen trinken. Ha'm die geprahlt mit ihren scheiß Jobs. Zwölf Stunden im Büro ist Minimum. Konnten sich nur mit Mühe und Not loseisen für unser kleines Treffen. Das würd' ich mir nicht geben. Nicht für alles Geld der Welt.
Um halb elf haben die Ersten abgeschwächelt. Früh aufsteh'n et cetera. Der Letzte ging eine Stunde später und hatte sichtlich ein schlechtes Gewissen. War mir gleich. Ich hab mich noch zu den Pennern am Stammtisch gesetzt. War alles in allem nicht aufregend, aber doch mal 'ne nette Abwechslung.
Der freie Tag ist da so was wie ein gelungener Ausklang. Gut gelaunt dusche ich mich und putz' mir die Zähne. Wird alles kurz getrübt vom Gedanken an den Zahnarzt. Den Termin schieb ich jetzt auch schon ewig vor mir her, obwohl es dringend Zeit wäre. Ein Zahn oben links ist schon geraume Zeit hin. Deshalb kau' ich nur noch auf der rechten Seite. Egal, die Sonne scheint mir aus dem Arsch. Also ab in die Stadt. In einem Studentencafé genehmige ich mir ein Nuttenfrühstück. Allerdings rauche ich mehr als eine Zigarette. Nebenher blättere ich im Spiegel. Nichts Neues im Westen. Im Rest übrigens auch nicht.
Nach zwei Stunden hab' ich die Schnauze voll. Mit Frauen gucken ist hier auch nicht viel. Schade, daß die Freibäder ihre Pforten noch nicht geöffnet haben. Warm genug wär's, ist aber noch zu früh im Jahr. Vielleicht im Park. Gut kalkuliert komm' ich an einem Musikgeschäft und einem Comic-Laden vorbei. Nur mal kurz durchstöbern. Das Ergebnis: drei Platten und vier dicke Comicalben. Die Scheiße wird auch immer teurer. Und meine Freundin bringt mich um, wenn sie das sieht. Eigentlich wollten wir für unseren nächsten Urlaub sparen. Aber auf die paar Kröten kommt's wohl auch nicht an. Außerdem hat sie sich vor zwei Wochen erst ein neues Kleid gekauft.
Aus unerfindlichen Gründen ist der Rasen im Park noch feucht, und die Bänke sind sowieso scheiße. Leckere Frauen gibt's auch nicht. Sitzen wahrscheinlich alle in der Uni. Bei dem Wetter. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln.
Also doch wieder nach Hause. Fernseh'n, die Comcis lesen, am Computer spielen und nebenher in die Platten reinhör'n. Auf dem Heimweg noch bei Tante Aldi vorbei. Sparen wo's geht. Gegen fünf packt mich die Laune wieder und treibt mich nach draußen. Ich häng' mich ans Telefon und mach' mit ein paar Leuten ein gepflegtes Nachmittagsbesäufnis aus. Früh fett, früh im Bett. Meine Freundin kommt immer erst gegen acht von der Arbeit. Da bin ich mit meiner schon lang fertig. Sie wird von dem blauen Tag nichts merken. Ich leg' ihr 'nen Zettel hin und verschwinde.
Irgendwie habe ich es tatsächlich geschafft mein Studium mit einem Abschluß zu beenden. Nach dem Ergebnis sollte keiner fragen, aber Hauptsache fertig. In der Fächerkombination, die ich gewählt hatte, ist ein Befriedigend ungefähr gleichbedeutend mit einem Durchgefallen. Aber egal. Es geht voran, wenn ich auch keinen Blassen habe wohin. Interessiert im Moment auch wirklich nicht. Meine Freundin wartet draußen. Für den Abend hat sie mir ein romantisches Essen bei Kerzenschein versprochen und danach lecker Nachtisch.
"Laß dich überraschen."
Gerne. Aber jetzt wird gefeiert. Endlich mal wieder.
Als erstes machen wir Halt im Campus-Café. Die abstinenten Wochen im Rücken will ich tatsächlich zuerst nur einen schnöden Tee bestellen, besinne mich dann aber rechtzeitig eines besseren und nehme ein Weizen. An so einem herrlichen Tag wäre alles andere Verschwendung. Wir ziehen weiter auf den Marktplatz und es stoßen noch ein paar Freunde zu uns, die mitfeiern wollen. Ich schmeiße eine Runde und fühle mich wie Gott. Gnädig blicke ich auf meine Schäfchen und sehe mit Genugtuung die mit Stolz erfüllten Blicke, die mir meine Freundin schenkt.
Eine lustige Runde. Das Gelächter wird immer lauter. Die Stimmung ungehemmt. An den Nachbartischen sitzen Touristen, die sich verächtlich oder erschreckt immer wieder zu uns umdrehen. Dabei auch ein paar dumme Studenten.
Irgendwann verabschiedet sich meine Freundin, um sich um das Essen zu kümmern. Ich verspreche in einer Stunde nachzukommen und bestelle noch ein Weizen.
Zwei Stunden später klingelt mein Handy, aber heute darf mich niemand stören. Schließlich gibt es was zu feiern.
Als ich endlich vor unserer Wohnungstür stehe fällt mir siedend heiß das Essen ein. Vor allem der Nachtisch. Vorsichtig öffne ich die Tür und gehe ins Wohnzimmer. Niemand da. In der Küche ist angerichtet. Richtig hübsch mit Decke, Servietten und allem drum und dran. Ich setze mich schwankend auf meinen Platz und bin verwirrt. Auf einem großen Zettel, der zwischen den Tellern auf dem Tisch liegt, steht nur ein Wort: Danke! Als ich mich wieder zur Tür umdrehe steht sie im Rahmen. Die Arme vor der Brust verschränkt blickt sie mich mit verheulten Augen an.
Dabei hätte das der schönste Tag meines Lebens werden sollen.
Meine Freundin ist mit ihren Eltern Urlaub machen. Ausgedehnt. Sechs Wochen in einem kleinen Ferienhaus am Lago. Nett. Mich hatten sie auch eingeladen, aber ich hab' den eifrigen Studenten gegeben. Magisterarbeit. Danach anstehende Prüfungen. Das Examen ruft. Nicht mehr viel Zeit. Viele, viele Pluspunkte.
Hatte viel Ärger gegeben vorher. Vor dem Fernseher kann man sein Studium eben nicht erfolgreich beenden. Da wird selten nach schlechten Nachmittags-Talk-Shows gefragt. Seh' ich auch ein. Es wundert mich im Nachhinein, daß ich so meine Scheine geschafft hab'. Und das Examen ist doch ein anderes Kaliber. Außerdem habe ich tatsächlich schon zwei Monate vertrödelt, und jetzt brennt es sogar mir unter den Fingernägeln. Trotzdem kann man so eine sturmfreie Zeit nicht einfach passieren lassen.
Vor zwei Wochen sind sie weg, und bei Licht betrachtet hab' ich seit dem nichts zustande bekommen außer durchgefeierten Nächten und postalkoholischen Depressionen.
Jetzt lieg' ich auf unserem Sofa wie ein toter Fisch und versuche die morgendliche Übelkeit zu verdrängen. Hauptsache ruhig durchatmen. Mein Magen warnt mich vor falschen Bewegungen. Der unvorsichtige Gedanke an eine Zigarette verursacht Brechreiz. Mein Bauch verkrampft und unwillkürlich ziehe ich die Beine an. Aber da kann unmöglich noch mehr raus kommen.
Der zweite Tag hintereinander. Dabei mußte ich mich noch nie morgens übergeben. Egal, was ich am Abend vorher konsumiert hatte. Dieses Phänomen kannte ich bisher nur vom Hörensagen. Als Indiz für ein leckeres Magengeschwür.
Schlechtes Zeichen.
Du wachst auf und bis dahin geht's dir noch ganz gut. Aber noch bevor du den Druck auf der Blase registrierst, stört dich das mulmige Gefühl in deinem Magen. Ein saurer Geschmack im Mund. Du schluckst trocken. Vorboten. Dein Körper zeigt dir schon sehr genau, was als nächstes passiert.
Der Magen bläst zur Attacke.
Erst langsam, dann hektisch, die Hand vor dem Mund, willst du nur noch das Badezimmer erreichen. Geschafft. Schlagartig entlädt sich dein Mageninhalt in die Toilette. Im letzten Moment.
Danach sitzt du, plötzlich schweißnaß und zitternd, mit tränenden Augen und schwer atmend auf den kalten Fliesen des Badezimmers und versuchst, der Lage wieder Herr zu werden, hoffst, daß das alles gewesen ist. In den Schläfen spürst du deinen Puls. Schmerzhaftes Pochen.
Irgendwann sammelst du deine Kräfte, erhebst dich aus dieser entwürdigenden Position und wankst zum Waschbecken. Im Spiegel erkennst du dein gezeichnetes Gesicht. Du spülst dir den Mund aus und wagst den Weg zurück ins Schlafzimmer. Mit der Rechten reibst du beschwichtigend deinen Bauch.
Zehn Minuten später beginnt das Schauspiel von neuem.
Bis du irgendwann neben der Toilette an der Wand kauerst und, den Kopf gegen die kalten Kacheln gedrückt, den nächsten Ansturm erwartest. Ein gelber Faden widerlicher Galle hängt an deiner Unterlippe.
Ein schlechtes Zeichen.
Sollte man ernst nehmen.
Außerdem sollte ich in vier Wochen mehr vorzuweisen haben als eine satte Schleimhautentzündung.
Ich hasse öffentliche Verkehrsmittel, aber es pißt wie Sau, und im Regen Fahrrad zu fahren ist das Beschissenste was es gibt. Leider wohnt meine Freundin am Stadtrand. Mit dem Fahrrad zwanzig Minuten, mit dem Bus eine halbe Stunde und mit dem Auto eine Ewigkeit. Abgesehen davon besitze ich kein Auto. Dafür ist ihre Wohnung ein richtiges Sahnestück, zumindest im Vergleich zu meinem Zimmer in dieser Fünf-Mann-WG, in die ich schon zu Beginn meines Studiums gezogen bin. Eigentlich sind wir da vier Männer und eine Frau, aber die ist eher ein Mannweib, das eine Schmutztoleranz hat, die noch weit über meiner eigenen und der der anderen Jungs liegt. Folglich eine sehr saubere Wohnung, in der ich da lebe. Aber sehr geil.
Das Problem mit so einer Wohngemeinschaft ist, daß man nie wirklich seine Ruhe hat, aber die brauch' ich auch gar nicht. Heut' Abend schon überhaupt nicht.
Wie so oft haben meine Freundin und ich uns nachmittags in der Stadt getroffen um gemeinsam zu ihr zu fahren. Bei mir in der WG sind wir nur selten. Ist mir ganz recht.
Wenn wir bei ihr sind gibt's erst Mal bißchen Sex, danach wird gekocht und der Abend verplant. Meistens bleiben wir Zuhause und schauen stumpf in die Röhre. In der Regel gehe ich zwischen zehn und elf, weil ich am nächsten Morgen früh aufstehen muß. Oft genug stromer ich dann aber noch durch die Stadt oder unterhalte mich bis in die Puppen mit meinen WG-Kollegen.
Heute gab's Sex, Lebensplanung und Schockzustand.
Zuckersüß machte sie mir den Vorschlag zusammen zu ziehen.
Eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung sei gar nicht so teuer und wenn sie erst ihr Examen bestanden habe, wären wir auch nicht mehr auf die Unterstützung unserer Eltern angewiesen, denn dann würde sie doch sicher genug Geld verdienen um uns das leisten zu können.
Sie ist eine von diesen Sprint-Studenten und deshalb schon wesentlich weiter als ich. Natürlich auch deshalb weil Frauen bekanntlich nicht gezogen werden, aber das ist verglichen mit den Erfolgen, die ich in meinem doch inzwischen weiter fortgeschrittenen Studium bisher zu verzeichnen habe doch nur eine schwache Ausrede.
Muß ich dann jeden Abend bei dir hocken und in den Fernseher starren? Zum Stammtisch bitte nur am Sonntag nach der Kirche.
Wie soll das bloß unter einen Hut geh'n.
Scheiß Idee.
Wirklich.
"Warum nicht."
Ich brauch' dringend Nervennahrung.
Zu studieren ist noch besser, als ich mir das in meinen wildesten Träumen hätte vorstellen können. Zwei Semester. Und ich fühl' mich immer noch wie neu geboren.
War höchste Zeit aus diesem Einheitstrott aus Schule, Familie, Verein und Was-weiß-ich-Noch raus zu kommen. Endlich nur für sich selbst verantwortlich zu sein. Lebt sich viel ungezwungener. Der klare Geschmack von Freiheit.
Meine Kurse hab' ich so gelegt, daß ich immer ein extra langes Wochenende habe. Donnerstag um zwei ist der letzte Kurs zu Ende und der nächste beginnt erst am Montag um zehn. Sehr geschickt.
Dazu geile Leute und vor allem klasse Frauen. Wenn genug Alkohol fließt ist das echt 'ne willenlose Mischung. Und der fließt in Strömen. Partie ohne Ende. Wenn man da einen Gedanken an seine Freundin verschwendet, die vielleicht gerade bei irgendeinem Kaffeekränzchen sitzt oder zu Hause über ihren Büchern brütet, zieht einen das wirklich kurz runter. Stört echt. Dann besser ins Hinterstübchen treiben, fünfe gerade sein lassen und feste weiter feiern. Und wenn man schwach wird kann man eh nichts dagegen machen. Dann sollte man es auch genießen. Der Rest wäre ein fieses schlechtes Gewissen oder das beklemmende Gefühl, wieder einmal was verpaßt zu haben. Nein. Danke. Ich weiß doch, wo ich hingehöre, und wenn ich meiner Freundin irgendwann vorwerfen müßte was verpaßt zu haben wär' die Beziehung schneller beendet als ein Quickie in der Mensatoilette.
Diese Erstsemesterparties sind klasse. Schon dafür lohnt es sich ein Studium aufzunehmen. Mit einem wippenden Fuß und einer Flasche Bier in der Hand steh ich an der Tanzfläche.
Meiner Freundin, hab' ich klar gemacht, daß ich sie heute nicht dabei haben will. Etwas höflicher, aber sinngemäß. Macht die Kontaktaufnahme leichter. Aber nur schauen. Nicht anfassen. Klar Mädels. Gegessen wird zu Hause.
Vor zwei Monaten hab' ich mich eingeschrieben. Die ersten Schritte aus dem Studentensekretariat waren wie in eine neue Welt. Endlich Student. Endlich frei. Der Studiengang interessiert mich nicht wirklich, soll aber einfach sein. Am Ende spielt sowieso nur eine Rolle, daß man studiert hat. Hauptsache die Note ist gut. Praktika und Auslandsaufenthalte wären auch nicht schlecht, heißt es. Kann ich mir später noch Gedanken drüber machen.
Dann hab' ich auch noch 'ne Zusage für ein Zimmer bekommen. Eine Wohngemeinschaft. Die Leute schienen mir bei der Besichtigung etwas merkwürdig, aber fürs erste wird's geh'n. Kann mich immer noch umseh'n.
Und jetzt dieses Fest.
Mit der Oberstufe wurden die Parties bei uns schon recht interessant. Auch die Zivifeste boten einen guten Vorgeschmack. Aber das hier ist doch anders.
Alle ausgelassen. Alle grade raus gelassen. Zwanzig Jahre an der Kette sind genug.
Jetzt fängt der Ernst des Lebens an.
Und wenn das so weiter geht wird's richtig lustig.